Freitag, 12. Januar 2007

Die beiläufigen Tritte des Grubengauls

Ein Grubengaul. Starrt er in die Intervalle, muss er in die Schlingen treten. Stampfen. Augen hohl. Gefälle. Sein Wesen aber ist die Wiederholung die Wiederholung.
Es, es frisst den neuen Reim vergoren.
Führt man ihn durch Stollen durch hindurch, trampelt der Abgrund der Différance näher. Ein Graben aus Zeit, die Spur des Vergangenen und die Antizipation des Kommenden im nicht existenten Zwischenstück nur zehengängerisch eisenberührt, um zu sehen: es ist auch Grube. Führt man ihn dann weiter: Schlucht aus Zeit. Warum wird er die Wiederholung zerkauen und zum Wiederkäuer, um sich selbst über den Fallstrick zu fällen?
Käut er wieder, im Absprung sieht - zwischen den Zwischenräumen - das Kommende der Trittspur des Alten gleich. Grubengaul-Gesinne rückt dann zurück, will sich halten und stolpert über seine eigene Freiheit im Nichts.

Der Herr des Beherrschers

Das Gedicht ist ein Automat. Mit flink anstelliger Differenz zwischen Form und Inhalt versetzt es den Leser in die Virtualität des Videospiels; sinnliche Erfahrung im Rahmen der Regeln, die doch aber Freiheit offerieren.

Mit Hegel gesprochen spricht die Kunst hierarchisch: Kunst als Manifestationsform des Geistes ist sein „sinnliches Scheinen“(1), einander gegenübergesellt sind Form und Inhalt, Geistferne und –nähe erlauben, eine Ordnung der Ränge aufzustellen. Kofman zitiert die Architektur als geistfernste der Künste, in der ihr sinnliches Material nicht anders als bloß anspielend zum Geist sich verhält; es ist das Symbolische. Anders scheint es sich mit der Dichtung zu verhalten, deren Material schon Zeichen, schon Geist sei(2): Die Form sei aufgehoben in der Prosa, welche die Vollendung und Überwindung der Poesie darstelle.

Es lässt sich ein Schema aufstellen. Form der Lyrik also ist Stein und Marmor der Lyrik: Die Allusion lädt den Leser ein, Geistiges zu finden. Befragt der Finder wiederum erneut die Form, findet er in ihr keine direkte Beziehung zum Gedachten, außer der Anspielung nichts; die Form ist leer.

Wie ist es mit dem herausgeschälten Inhalt, dem Wort, dem Satz in der Prosa? Der Leser erhält den Befehl, sich Geistiges zu finden, direkt – das Wort scheint selbst nicht lediglich anzuspielen, sondern selbst die Substanz zu erhalten, die durch diesen Eindruck den ersten Befehl erteilt. In der Rückkehr findet der Lesende vor allem eines: Das Zwielicht des Inhaltes. Diese Zwiespältigkeit rührt daher, dass der nackte Satz zu träumen scheint, doch macht er seinen Traum keinesfalls zugänglich. Der scheinbare Traum des Satzes, der sich, nähert sich ein Schauender vorsichtig an, gleich wieder in sein Lautmaterial zurückzieht, beschwindelt den Leser, befiehlt. Dem Leser begegnet das Undarstellbare. Boshafte Materie zwingt ihn, den geistigen Inhalt zu finden, den es andeutet, mehr als andeutet, als seinen Traum im Material enthält, doch nicht preisgibt und das Unerreichbare schwenkt: den sinnlichen Inhalt des Undarstellbaren, des Erhabenen.

Durch Kant mitgeteilt, existieren die Gefühle des Schönen als auch des Erhabenen. Das Schöne ist der Mitklang einer Sicherheit, die bei Betrachtung eines sinnlichen Falles („Kunstwerk“) ganz gewiss dem sinnlichen Fall ein Allgemeines, einen allgemeinen Begriff zuordnet. Das Erhabene ist das mithilfe der Vernunft gedachte, dem die Vorstellungskraft unfähig ist, sinnliche Darstellung beizustellen. Es ist undarstellbar(3).

Bleibt in der formlosen Prosa Raum, den Eindruck des Undarstellbaren an sich zu spüren, der eigenen Unzulänglichkeit sich zu vergewissern? Ich denke, dass dem nicht so ist. Wenn auch Lyotard eine Kunst fordert, welche die „Regeln dessen [...] erstellt, was gemacht worden sein wird“(4), so gibt es doch eine Regel. In herkömmlicher Poesie erwecken Form und Inhalt den Eindruck persönlicher Souveränität: Die Sprache ist nicht in Prosa gehalten; sie ist ein Illusionskünstler, der gaukelt, dass er seinen Traum preisgäbe; die Freiheit, die die Form gerade durch ihr nur symbolisches Verhältnis bietet, ist scheinbare wirkliche Freiheit, nicht aber bedrohliche Leere.

Das Gedicht hat sich aus Prosa zusammenzusetzen, die die Form nach ihrem Zwang gebiert, doch stets muss sich eine Form hinter ihr verstecken; der Herr des Beherrschers, der den Leser in Leere hinabstürzt. Im Schaffensprozess geht licht der Inhalt voran.

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